OHB: Deutsche Raumfahrtfirma chartert Kiwi-Rakete für geheimnisvollen Kunden

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OHB: Deutsche Raumfahrtfirma chartert Kiwi-Rakete für geheimnisvollen Kunden




Start einer »Electron«-Rakete von Rocket Lab (Archivbild)


Initiate einer »Electron«-Rakete von Rocket Lab (Archivbild)


Foto: Trevor Mahlmann / Rocket Lab

Regelmäßig wird es laut auf der Mahia Peninsula. An der Ostküste von Neuseelands Nordinsel hat das private Raumfahrtunternehmen Rocket Lab seinen Launch Advanced 1 eingerichtet. Schon 17 Mal ist von dort eine »Electron«-Rakete der Firma abgehoben. Es ist derzeit der einzige private Startplatz der Welt, von dem man den Erdorbit erreichen kann.

Mit 17 Metern Höhe ist die neuseeländische Rakete deutlich kleiner als die der Konkurrenz von SpaceX, Arianespace oder der United Launch Alliance. Sie ist mit einer Nutzlast von 300 Kilogramm, die in den niedrigen Erdorbit gebracht werden können, auch weniger kräftig – aber billig. Zwischen fünf und sieben Millionen Buck kostet ein Exemplar. Und mit noch einem Vorteil wirbt Rocket Lab: Wohl nirgends kann ein Satellit so schnell abheben wie hier.

Das hat offenbar auch das deutsche Raumfahrtunternehmen OHB überzeugt. Für einen Kunden hat OHB eine »Electron«-Rakete gekauft. Ab Samstag soll sie unter dem Missionsnamen »Yet another One Leaves The Crust« ins All starten. Zwischen Vertragsabschluss und Raketenstart hätten nur wenige Monate gelegen, heißt es.



Missionskontrolle von Rocket Lab (im Oktober 2018)

Missionskontrolle von Rocket Lab (im Oktober 2018)


Foto: William Booth / Rocket Lab

Es ist das erste Mal, dass eine deutsche Firma solch eine Rakete komplett chartert. Für wen, das will das Bremer Unternehmen aber nicht verraten. OHB habe einen Satelliten im Auftrag eines Kunden »entwickelt, gebaut, getestet und wird ihn auch betreiben bis an das Ende seiner operativen Lebenszeit«, so Lutz Bertling, im Vorstand der Firma zuständig für Digitalisierung, Strategie und Geschäftsentwicklung, auf Anfrage des SPIEGEL. Und wenn das Gerät nicht mehr nutzbar sei, werde man ihn auf einen Re-Entry Orbit bringen. »Dieser Orbit sorgt dafür, dass der Satellit bei Wiedereintritt verglühen wird und kein Weltraummüll entsteht.«

Zum Preis der Rakete gibt es ebenfalls keine genauen Informationen – nur so viel: Rocket Lab habe den Initiate »trotz einer äußerst kurzen Zeitspanne« zwischen Anfrage und Starttermin ermöglicht, sagt Bertling. Das habe »besondere Abläufe« erfordert. »Diesen wurde in einem gewissen Maße auch im Preis Rechnung getragen.« Das heißt wohl: Ein kleiner Aufschlag zur üblichen Summe war diesmal mutmaßlich drin. Zu den Particulars magazine sich auch Rocket Lab nicht äußern.

Satellit soll eine Konstellation begründen

Aus den spärlichen Informationen zur Mission lassen sich aber doch einige Dinge zusammentragen. »Bei dem Satelliten der ›Yet another One Leaves The Crust‹-Mission handelt es sich um einen Prototyp für eine geplante Konstellation aus einigen hundert Telekommunikations-Satelliten«, so Bertling. Und in einer Presseinformation von Rocket Lab heißt es, der Satellit solle »spezifische Frequenzen zur Unterstützung zukünftiger Dienste aus dem Orbit« ermöglichen.

Ob für die weltweite Versorgung mit Hochgeschwindigkeits-Web oder für die Erdbeobachtung – aktuell arbeiten zahlreiche Firmen und Institutionen am Aufbau größerer Satellitenkonstellationen im All. OHBs geheimnisvoller Kunde gehört offenbar dazu.

Die bekannteste Konstellation ist aktuell der Starlink-Verbund des Raumfahrtunternehmens SpaceX – auch weil Astronomen auf der Erde wegen der vielen tausend Satelliten um die Qualität ihrer Beobachtungen fürchten. Rund 900 Starlink-Satelliten sind bereits im All unterwegs, seit vergangenem Herbst läuft der – vor allem auf die USA begrenzte – Beta-Check des Methods. Auch OneWeb, ein zwischenzeitlich insolventer SpaceX-Konkurrent, baut seine Satellitenflotte immer weiter aus und hofft, im kommenden Jahr ein funktionierendes Netz anzubieten.

Wer einen Satelliten ins All schießt oder gar eine ganze Konstellation, darf allerdings nicht einfach so losfunken. Nötig ist eine Genehmigung der World Telecommunication Union (ITU) in Genf. Das verfügbare Spektrum ist begrenzt. Wenn zwei Satelliten dieselbe Frequenz nutzen, können Störungen drohen. Moreover gibt es einigermaßen strenge Regeln: Jedes Land muss seine Satelliten anmelden. Und damit sich niemand in einer Art digitalem Landraub Frequenzen einfach nur ungenutzt bunkert, muss deren Nutzung auch nachgewiesen werden.

Wer trödelt, verliert die Frequenzen

Für die aktuelle OHB-Mission dürfte das entscheidend sein. Sieben Jahre nach der Anmeldung der Frequenzen bei der ITU, so die aktuelle Regel, müssen zumindest zehn Prozent der geplanten Satelliten tatsächlich im All unterwegs sein. »Bringing into use«, kurz BIU, heißt das im ITU-Sprech. Nach weiteren sieben Jahren muss die Konstellation dann vollständig sein, sonst verfallen Nutzungsrechte für die Frequenzen.

Und wer sich den ansonsten etwas schwer lesbaren Missionsaufkleber auf einem von Rocket Lab vor dem Initiate veröffentlichten Foto ansieht, erkennt dort auch das Kürzel »BIU«. Bei der Mission geht es also offensichtlich darum, bei der ITU beantragte Frequenzen praktisch zu nutzen, damit diese nicht verfallen. Deswegen dürfte auch die Geschwindigkeit entscheidend gewesen sein, mit der man bei OHB den Satelliten bauen und – mithilfe von Rocket Lab – ins All bringen konnte.

In Zukunft will die Firma solche Startdienstleistungen übrigens auch selbst anbieten. Dafür entwickelt gerade die zur OHB-Familie gehörende Rocket Manufacturing unit Augsburg eine eigene Trägerrakete. Die »RFA One« soll etwa 30 Meter lang werden und rund eine Tonne Nutzlast ins All bringen können. Es ist eines von gleich drei ähnlichen Fluggeräten, an denen in Deutschland derzeit geforscht wird. Auch HyImpulse, eine Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, sowie das Unternehmen Isar Aerospace, an dem unter anderem Airbus beteiligt ist, arbeiten derzeit an vergleichbaren Raketen.

Damit liegt Deutschland in diesem Bereich in Europa vorn. Doch abheben dürften die neuen Raketen, wenn sie denn tatsächlich fliegen, nicht unbedingt hierzulande. Jedenfalls noch nicht. Triebwerkstests für »RFA One« sind etwa am norwegischen Startplatz Andøya geplant. Dort, weit jenseits des Polarkreises auf der Inselgruppe der Vesterålen, hoben bisher vor allem Höhenforschungsraketen ab, aber auch der DLR-Hyperschallflugkörper »Shefex«. Und dort soll wohl auch der Jungfernflug der OHB-Rakete stattfinden.

Techniktests hat die Rocket Factroy auch schon in Nordschweden absolviert, wo auch Isar Aerospace arbeitet. Beide Firmen interessieren sich auch für Starts aus Französisch-Guayana. Und für einen deutschen Weltraumbahnhof, für den sich auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) immer wieder starkgemacht hat. Kurz vor Weihnachten hat sich dazu in Bremen die German Offshore Spaceport Alliance GmbH gegründet. Dort arbeitet man an einem Startplatz in der deutschen Nordsee. Ob das eine feste Plattform sein soll oder ein Schiff steht noch nicht fest – aber dass es alles sehr schnell gehen soll. »Spätestens im Jahr 2023« wolle man »Starts realisieren«, so das Konsortium. Dann wird es womöglich auch in der Deutschen Bucht laut.

Icon: Der Spiegel